Jüdische Geschichte

Theatrales Erinnern - POGROM 80 in Forth, Schnaittach, Hüttenbach und Ottensoos

Keiner will den Nazi spielen

Mit einem sehr eindrucksvollem Doku-Theater in den vier Rabbinatsorten der ehemaligen Medinah OSchFaH von Ottensoos, Schnaittach, Forth und Hüttenbach gedachte man am 9. November 2018 gemeinsam der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung in der Pogromnacht vor 80 Jahren. Es hat sich, so die Initiatorin, Autorin und Regisseurin Dr. Martina Switalski, sehr gelohnt die neue – theatrale Form der Erinnerung im Schulterschluss der ehemaligen jüdischen Gemeinden des Rabbinats Schnaittach zu veranstalten. Die über 400 Besucher des Erinnerungsspektakels bezeugen, dass Theater als soziale Kunstform nicht nur die 25 Akteure und Akteurinnen in den vier Gemeinden solidarisiere, sondern auch eine Gemeinsamkeit im Fühlen unter  den Zuschauern und Zuschauerinnen erzeuge.  Das Konzept  der emotionalen Vergangenheitsbewältigung ging auf. Für POGROM 80 suchte man in jedem Ort lokale Mitwirkende für die authentische Szenen von 1938. In Forth wählte die Autorin das Schicksal der beiden Schnaittacherschwestern Rosa und Pauline, sehr eindrucksvoll dargestellt von Martina Salzmann und Jacqueline Majbour, die in dieser Nacht der Kriegserklärung gegen die Deutschen jüdischen Glaubens, von SA-Männern mit Mistgabeln auf ein Fuhrwerk gestoßen und ohne Jacken und Winterkleidung nach Erlangen verladen wurden – wie Vieh. Es sei schon sehr befremdlich SA-Männer zu spielen, die gewaltsam diese Erniedrigung begingen, erzählen Jürgen Salzmann und Axel Gosoge, aber historisches Spiel heißt eben auch Darstellung des Bösen und Ungerechten. Die Untaten der SA wurden in jener Nacht in Forth von einem kleinen Mädchen beobachtet, das Milchholen ging. Es war rührend zu sehen, wie die zehnjährige Maya Grieseler die Erzählung von Ria Ulrich als Achtjährige sprach. Die im Publikum anwesende 88-Jährige hatte die Gewalt damals  gesehen und schlecht verarbeitet. Vielleicht ist Mayas Monolog beim Betrachten der Schläge und verbalen Gewalt ein Weg damit umzugehen. In einer schnellen Szenenfolge erlebten die Zuschauer die (Zer)störung der Schabbatfeier bei Rosa und Pauline durch die SA-Männer, die Plünderung der jüdischen Häuser und wesentliche Aussagen aus dem Pogromprozess von 1950 am Landgericht Nürnberg-Fürth. Die von Forthern getätigten Aussagen verschwiegen mehr als sie offenbarten und die Todsünden, die das Geschehen auf der Bühne begleiteten und kommentieren, kommen unisono zum Entschluss, dass scheinbar keiner „dabei war“ und keiner „was getan“ habe. Und doch sind in dieser Nacht die letzten Juden vertrieben und der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zugeführt worden. Es kam keiner zurück.

Auf dem Theater kehren die beiden Schnaittacherdamen in ihr verwüstetes Haus zurück und Pauline schildert den peinvollen Gang in die Essenweinstraße in Nürnberg. Dort musste sie unter Zwang ihr Haus „verkaufen“. Das arisierte Haus befindet sich seit 1938 im Besitz der Gemeinde Forth respektive Eckental und verfällt zusehends. Auf diesen Tatbestand wies Carol McKnight, eine Nachgeborene der Schnaittacher hin, die extra zur Aufführung mit Tochter Erin und Enkelsohn Levi aus Vermont angereist war, hin. Es sei an der Zeit, dass sich die politisch Verantwortlichen des historischen Erbes der jüdischen Geschichte Forths annehmen und dieses Haus, das die Spuren der Vertreibung und Vernichtung trägt, zu einem Haus der Begegnung und der Erinnerung mache. Wäre ihre Großmutter, Bertha Schnaittacher, die Schwester von Pauline und Rosa, nicht in die USA ausgewandert, hätte es sie und ihre angereiste Familie wohl nie gegeben. Carol McKnight wies damit nachdrücklich auf die Erhaltung des Hauses hin. Es sei die einzig sichtbare Spur der Schoah in Forth. Man hat die Menschen zerstört, aber ihre Häuser erweisen sich als langlebiger. Sie sollen als lebendiger Raum gegen Rassismus und Gewalt  - zu einem Haus der Erinnerung - werden.

Die Todsünden wurden kraftvoll und synchron von Hannah und Emma Falter, Nela Frischholz, Lina Valta, Felicia Engelhardt, Elena Wölfel und Julia Salzmann gespielt. Im Schlusschor sehen sie sich und die Zuschauer und Zuschauerinnen, die zahlreich und dichtgedrängt im evangelischen Gemeindehaus dem historischen Geschehen folgten, als „Zeugen des Unrechts und der Gewalt. Mahner für Menschenliebe und Gerechtigkeit. Leuchttürme der Aufklärung für ein besseres Leben.“ 

Bei der Lesung der Opfernamen durch Martina Switalski erhoben sich die Zuschauer und Zuschauerinnen spontan zur Trauerbekundung.  Die 29 Namen der Ermordeten aus Forth hat Heike Müller kunstvoll auf einer Stoffcollage mit Bildern dargestellt. Der offizielle Abschluss der ersten Station in Forth lag in der Hand des Regionalbischofs Prof. Dr. Stefan Ark Nitsche, der zusammen mit dem Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Jo-achim Hamburger und den anwesenden Bürgermeistern aus Eckental (Ilse Dölle), Schnaittach (Frank Pitterlein), Ottensoos (Tanja Riedel) und Hüttenbach (Perry Gumann) als Zeichen des Friedens weiße Tauben in die Luft fliegen ließ.

 

 

 

 

 

Auch in Schnaittach wurde mit Emma Ullmann (1884 bis 1938) ein jüdisches Schicksal aus Schnaittach auf dem vollbesetzten Kolbmannshof in der Nürnbergerstr. 34 gezeigt. Mit Hilfe der dortigen Theatergruppe Edelweiß e.V. gelang Martina Salzmann als Hauptdarstellerin eine eindrucksvolle Darstellung von Ausgrenzung wohlmeinender Arier bis hin zum Mord durch die Gestapo infolge der Pogromnacht.

Auch Hüttenbach bot mit dem Bericht des Überlebenden Hugo Burkhardt einen grausamen Einblick in sieben Jahre KZ-Haft und deren psychisch-psychische Folgen.  Stephan, Paul, Hannah und Emma Falter und Vincent Michl überzeugten als Begleitchor von Stefan Candid Depenheuer als Hugo. Sie wurden vom örtlichen Gesangsverein

kontrastiert.

 

 

 

 

 

Der Abschluss in der übervollen Ottensooser St.Veits-Kirche  wurde duch die Musik durch Sheynhoven und die boshaften Todsünden, die von Vera Kessel (Wollust), Johannes Figel (Zorn/Völlerei), Hans-Peter Schmidt (Neid), Jürgen Salzmann (Habgier) und Candid Depenheuer (Hochmut) sarkastisch und kichernd dargestellt wurden, brutal fesselnd. Anton Dietzfelbinger, der Urenkel des wehrhaften Pfarrers Wilhelm Dietzfelbinger von 1925 über die gesamte NS-Zeit, stellte als Jugendlicher und Zeitgenosse Fragen über damaliges Unrecht. Der aufrechte Pfarrer Dietzfelbinger wird in der Interpretation von Jürgen Salzmann zum gebrochenen Mann, der durch Streichers „Stürmer“ zum „Judenfreund“ und „Judenknecht“ gemacht wurde.

Theater hat soziale Sprengkraft. Und dieses Pogromtheater hat viele Menschen berührt und in ihrer demokratischen Haltung solidarisiert. Schalom Forth, Schalom Schnaittach, Schalom Hüttenbach, Schalom Ottensoos.

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Kriegserklärung an die Deutschen jüdischen Glaubens

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war die Kriegserklärung der Nationalsozialisten gegen alle Deutschen jüdischen Glaubens. 80 Jahre nach diesem Pogrom erinnert ein Doku-Theater an Einzelschicksale der jüdischen Mitbürger in Forth, Schnaittach, Hüttenbach und Ottensoos, die über Jahrhunderte eine Rabbinatsgemeinschaft bildeten.

Kristallnacht-Nacht der Schande

Die Nationalsozialisten nutzen das Attentat eines verzweifelten Siebzehnjährigen auf den deutschen Botschafter vom Rath in Paris als Vorwand, um eine von langer Hand vorbereitete Aktion gegen jüdische Menschen, Einrichtungen und Vermögen durchzuführen. Sie sprachen beschönigend von „Reichskristallnacht“ – als ob nur Scheiben und ein paar Kronleuchter zu Bruch gegangen wären. Dabei blieben mehr als 1400 ausgebrannte und geplünderte Synagogen zurück, mindestens 177 zerstörte Wohnhäuser, 1300 bis 1500 Tote, 30.756 Verhaftungen jüdischer Männer, von denen 1000 die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald nicht überlebten beziehungsweise an den Folgen der Haft starben. In der Nacht vom 9. November begann der Holocaust.

Neue Formen der Erinnerungsarbeit

Für das Wandeltheater hat die Historikerin Martina Switalski vier Schicksale dramatisiert und inszeniert. Sie versucht damit neue Formen der Erinnerungskultur auszuprobieren und die soziale Integrationskraft des Theaters zu nutzen. Die Inszenierung vereinte zunächst an jedem Ort Mitspieler, die sich für historische Sachverhalte und die Eindämmung von Fremdenhass und Gewalt engagieren. Die Aufführung zeigt aber auch die Muster von Fremdenhass und Gewalt im Jahr 1938 auf. In Forth die brutale Heraustreibung der beiden alten Damen Rosa und Pauline Schnaittacher aus ihrem Haus und die anschließende Plünderung. In Schnaittach die Häme der umliegenden Nachbarn, die Emma Ullmanns Todschlag in Gestapo-Haft in Nürnberg am 12. November 1938 kommentieren. In Hüttenbach Hugo Burkhards Aufzeichnungen seiner siebenhalbjährigen KZ-Haft in Dachau und Buchenwald vor und nach der Pogromnacht. In Ottensoos schließlich die Versuche des protestantischen Pfarrers Dietzfelbinger sich gegen die Hetze zu stellen. Die vier Teile werden von den sieben Todsünden begleitet, weil Neid, Hass, Wollust oder Habgier wesentlicher Antrieb dieser Nacht der Schande waren.

Kooperationspartner

Wir danken herzlichst für die Unterstützung aller vier Gemeinden Eckental, Schnaittach, Simmelsdorf und Ottensoos, sowie den ev.-luth. Kirchengemeinden St. Anna Forth und St. Veit Ottensoos, dem Theaterverein Edelweiß e.V., der Chorgemeinschaft GVe Eintracht Hüt­tenbach/Liederkranz Simmelsdorf, dem Freundeskreis der Ehemaligen Synagoge Ottensoos, dem Lions Club Eckental-Heroldsberg und dem Novum-Verlag.

Kontakt

Martina Switalski 0172/8634934

Mitspieler

Martina Switalski, Jürgen Salzmann, Martina Salzmann, Jacqueline Majbour, Petra Grieseler, Maya Grieseler, Axel Gosoge, Hannah Falter, Emma Falter, Felicia Engelhardt, Elena Wölfel, Julia Salzmann, Lina Valta, Nela Frischholz, Gisela Popp, Arno und Petra Gebhard, Irmgard Borck, Paul Falter, Vincent Michl, Stephan Falter, Hans-Peter Schmidt, Johannes Figel, Vera Kessel, Stefan Candid Depenheuer und Anton Dietzfelbinger.

Musik: Sheynhoven

Technik: Felix und Klaus Leipnitz, Max Nübling

Photos: Helmut Meyer zur Capellen

Assistenz: Katja Leipnitz

Regie: Martina Switalski

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Interessengruppe "Jüdische Geschichte in Forth"

Im Jahr 2006 hat sich eine Gruppe von 12 Leuten zusammen gefunden, die sich für die Geschichte der Juden in Forth interessiert. Alle zwei Monate kommt die Gruppe Im Evangelischen Gemeindehaus zusammen, um die Ergebnisse der Forschungen zu sichten und die nächsten Aktionen zu vereinbaren.
 

Höhepunkt im Jahr 2008 war der Besuch des Ehepaars Jaqueline und Albert Kimmelstiel aus New York bei uns. Herr Kimmelstiel musste 1938 Forth verlassen, seine Eltern und sein Bruder wurden im KZ ermordet. Bei einer Gedenkandacht zur Reichspogromnacht erzählte er, was er in Forth damals erlebt hat und wie er den Holocaust überstand.

 

Bei der Gemeindefreizeit 2008 entstand die Idee zu diesem neuen Kirchenfenster zum Thema "Vater Unser":

"Und vergib uns unsere Schuld"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kontakt über Pfarramt, Tel 09126/1869 oder Martina Switalksi